Zwei Generationen, ein Handwerk
Anfang in Bad Tölz
Es gibt Unternehmen, die entstehen aus einem Geschäftsplan. Und es gibt Unternehmen, die entstehen aus einer Leidenschaft, für die sich erst im Nachhinein ein Plan fand. Kitzerow gehört zur zweiten Kategorie. Als Andreas Kitzerow 1982 im Oberland den Betrieb gründete, ging es ihm weniger darum, einen Fliesenhandel aufzubauen, als darum, eine bestimmte Art von Material und eine bestimmte Art von Arbeit in die Region zu bringen, die es so noch nicht gab.
Der Markt im Oberland war in den frühen achtziger Jahren ein klassisch handwerklicher: rustikale Fliesen, grobe Keramik, das, was man eben verlegte. Was Andreas Kitzerow antrieb, war die Beobachtung, dass die Menschen zwar gern nach Italien in den Urlaub fuhren und dort die gekalkten Wände, die Terrakotta-Böden und die kühlen Marmorflure bestaunten — aber zuhause in Bad Tölz bauten sie weiter, als wäre das Mittelmeer ein anderes Universum. Diese Lücke wurde zu seinem Beruf.
Reisen als Einkauf
Von Anfang an war Reisen bei Kitzerow Teil des Geschäfts. Andreas fuhr nach Carrara, in die Kalksteinbrüche Apuliens, später nach Marokko zu den Handwerkern im Atlas, nach Andalusien, nach Portugal. Keine Messebesuche, keine Kataloge — echte Werkstätten, echte Brüche, echte Hände. Material wurde ausgewählt, weil es gefiel, nicht weil es sich “gut verkaufen” ließ. Das klingt heute nach Marketing-Poesie; damals war es schlicht die einzige Methode, zu seriösem Material zu kommen.
Diese Reisen prägten nicht nur das Sortiment, sondern auch eine Haltung. Kitzerow-Kunden wussten bald: Wer hier bemustert, sieht nicht nur Kataloge. Man bekam Geschichten zum Material mitgeliefert — wo es herkam, wer es gemacht hatte, warum es aussah, wie es aussah. Viele dieser Geschichten sind mit den Jahren gewachsen, aber die Methode ist geblieben.
1995 — der mediterrane Neubau
Ein Wendepunkt in der Firmengeschichte war 1995 der Bau eines neuen Gebäudes am heutigen Standort. Andreas Kitzerow plante es bewusst nach mediterraner Formensprache — nicht als Zitat oder Themenarchitektur, sondern als ernstgemeinte Bauaussage. Die Kalkputze, die großen Bogenfenster, die kühlen Steinböden waren eine Einladung an die Kundschaft: So kann man im Oberland auch bauen, wenn man will. Der Neubau war gleichzeitig Showroom, Büro und Stilprobe — und er wirkt bis heute.
Wer damals hereinkam, kam aus einer ländlichen Architekturumgebung in eine Räumlichkeit, die sich eher wie ein kleiner Hof irgendwo zwischen Umbrien und der Algarve anfühlte. Das hat polarisiert. Und es hat genau die Kundschaft angezogen, die Andreas Kitzerow suchte: Menschen, die bereit waren, für das eigene Zuhause eine ernsthafte Entscheidung zu treffen.
Das Steinwerk — 2008
2008, mehr als ein Vierteljahrhundert nach der Gründung, entstand der nächste große Schritt: ein eigenes Steinwerk. Bis dahin hatte Kitzerow Naturstein von ausgewählten Zulieferern bezogen, aber immer mit dem Gefühl, dass die entscheidende Stufe — die Auswahl der Rohblöcke, die Zuschnitt-Entscheidung, die Oberflächenbearbeitung — im Zwischenhandel verloren ging.
Das eigene Steinwerk schloss diese Lücke. Rohblöcke werden seit dieser Zeit in Italien, Portugal oder Spanien direkt ausgewählt, nach Bad Tölz transportiert und hier zu Platten, Formaten und Sonderstücken verarbeitet. Die Oberflächen — geschliffen, gebürstet, getrommelt, sandgestrahlt — entstehen im Haus. Das klingt nach industrieller Präzision, ist aber in der Praxis ein langsames, handwerkliches Geschäft. Jede Partie wird einzeln betrachtet, jede Aderung eines geäderten Kalksteins wird so ausgerichtet, dass die Fläche später stimmig wirkt. Das Steinwerk ist kein Produktionsbetrieb im klassischen Sinn, sondern eine Werkstatt.
“Ein Block hat seinen Charakter, bevor wir ihn anfassen. Unsere Arbeit ist, ihn nicht zu übersehen.” — Andreas Kitzerow
Die zweite Generation
Konstantin Kitzerow ist in den Betrieb hineingewachsen — wie es in inhabergeführten Werkstätten eben läuft. Erst die Ferienarbeit, dann die Ausbildung, dann die erste eigene Projektverantwortung, dann Schritt für Schritt die strategische Mitführung. Heute verantwortet er große Teile des operativen Geschäfts und prägt die Richtung, in die sich Kitzerow weiterentwickelt, genauso wie sein Vater die Gründungsjahre geprägt hat.
Der Generationenwechsel vollzieht sich bei Kitzerow nicht als Bruch. Andreas und Konstantin arbeiten zusammen, streiten produktiv und ergänzen sich in den Stärken: Andreas bringt das tiefe Material- und Herkunftswissen mit, Konstantin den Blick auf heutige Architekturfragen, technische Dokumentation, Planer-Kommunikation, digitale Prozesse. Was beide teilen, ist die Kernüberzeugung: Ein gut gebautes Bad, ein gut verlegter Boden, eine gut durchdachte Fläche ist mehr als ihre Teile. Sie ist eine Entscheidung, die jeden Tag jemandem Freude macht — oder sie nicht macht. Dafür lohnt es sich, genau hinzusehen.
Philosophie des Handwerks
Wer unsere Kunden fragt, warum sie bei uns bleiben — und wir haben Bauherren, die sich beim zweiten und dritten Haus wieder melden — bekommt meist eine Antwort, die wenig mit Produkten zu tun hat. Es geht um eine bestimmte Art der Beratung: sachlich, geduldig, ohne Verkaufsdruck. Es geht darum, dass jemand zuhört, bevor er etwas empfiehlt. Es geht darum, dass zwischen “Sie bestellen” und “Ihr Bad ist fertig” ein Prozess liegt, den jemand betreut, der den Überblick behält.
Diese Haltung ist nicht zufällig. Sie ist das Ergebnis einer Entscheidung, die sich durch die gesamte Firmengeschichte zieht: nicht zu wachsen, bis die Beratungsqualität leidet. Lieber weniger Projekte mit mehr Sorgfalt als viele Projekte mit abgearbeiteter Routine. Das ist betriebswirtschaftlich nicht die optimale Strategie; handwerklich ist sie die einzig sinnvolle.
Das Team hinter den Projekten
Ein Betrieb in unserer Größenordnung lebt von den Menschen, die jeden Tag zur Arbeit kommen. Unsere Fachberaterinnen und Fachberater sind teilweise seit über zwanzig Jahren im Haus; unsere Verlegekolonnen kennen unser Sortiment so gut wie die eigene Werkstatt. Das klingt nach Detail, ist aber in der Praxis der wichtigste Faktor für Projektqualität. Wenn ein Verleger seit fünfzehn Jahren weiß, wie sich ein bestimmter Kalkstein unter welchem Kleber verhält, wie er auf Fußbodenheizung reagiert und welche Fugenbreite welches Fugenbild erzeugt, ersetzt das jedes Datenblatt. Diese Art von Wissen wird nicht in Schulungen gelernt; sie wächst an tausend realen Projekten. Wir versuchen, sie im Betrieb zu halten — mit stabilen Arbeitsverhältnissen, mit Ausbildung im Haus, mit Übergaben zwischen den Generationen. Das klingt selbstverständlich und ist es in unserem Gewerbe leider nicht.
Warum das wichtig ist
Ein Bad ist kein austauschbares Produkt. Wer einmal fliesen lässt, lebt zwanzig Jahre damit. Wer einmal einen Natursteinboden verlegt, sieht ihn jeden Morgen. Gute Entscheidungen in dieser Größenordnung entstehen nicht unter Zeitdruck, nicht im Katalog und nicht über Standard-Sortimente. Sie entstehen im Gespräch, am Musterbrett, vor Ort, mit Geduld. Sie entstehen, wenn jemand sich die Mühe macht, das spezifische Licht eines spezifischen Raumes in die Materialwahl einzubeziehen. Sie entstehen, wenn jemand einen Grundriss nicht nur sieht, sondern sich hineindenkt, wie man in zehn Jahren täglich zum Waschtisch geht.
Diese Art der Sorgfalt ist kein Luxus und kein Marketing. Sie ist schlicht die Methode, die wir gelernt haben — von Andreas Kitzerow, der in den achtziger Jahren aus Italien erste Muster nach Bad Tölz brachte, und heute von einem Team, das in dieser Tradition weiterarbeitet. Was sich verändert hat, ist die Welt drumherum: Die digitalen Möglichkeiten sind größer, die Anforderungen an technische Dokumentation präziser, die Liefersituation auf den Weltmärkten schwieriger. Was gleich geblieben ist, ist der Kern: ordentliches Material, ordentlich ausgewählt, ordentlich verlegt, ordentlich betreut.
Das ist die Arbeit, für die Kitzerow seit 1982 steht. Zwei Generationen lang. Und für die wir auch in Zukunft da sind.